RCEP - das neue Asien-Bündnis

China im Fokus #1

Was das asiatische Freihandelsabkommen für die Volksrepublik China und auch die Wirtschaft in Baden-Württemberg bedeutet, analysiert Bernhard Weber, Geschäftsführer des BW_i-Büros in Nanjing.

In den chinesischen Medien war das Urteil über das Handelsabkommen RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership), das im November 2020 nach acht Jahren Verhandlung in Jakarta abgeschlossen wurde, eindeutig: Der Freihandelsvertrag zwischen den zehn ASEAN-Staaten und China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland wurde als einer der größten Siege chinesischer Diplomatie gefeiert.

RCEP ist eine Freihandelszone der Superlative: Die Mitgliedsstaaten umfassen rund 30 Prozent der Weltbevölkerung, 29,3 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts (2019); der bisherige Binnenhandel innerhalb von RCEP macht 27,4 Prozent des Welthandels aus. Für China ist jetzt schon der asiatische Markt der zweitwichtigste nach Europa (nicht nur EU) und vor den USA. Mittel- und langfristig sollen die Zölle und Handelsbarrieren innerhalb der Partnerstaaten reduziert werden oder ganz wegfallen. Man geht davon aus, dass sich die Ratifizierung durch die einzelnen Staaten bis 2022 hinziehen wird.

Für China konnte das Timing nicht besser sein, am Ende des von der Coronapandemie geprägten Jahres, aus dem China als Volkswirtschaft und auch politisch gestärkt hervorgegangen ist, und vor dem Ende der US-amerikanischen Trump-Regierung. Das neue Bündnis wird als Werkzeug im Kampf gegen die protektionistische Weltstimmung betrachtet. Es passt gut in die chinesischen Strategien der Doppelkreislaufwirtschaft, der Seidenstraßen-Politik und der von China geforderten Reform der Welthandelsorgansation mit dem Ziel, ein globales Freihandelsnetzwerk zu errichten.

Während China schon mit den meisten der Vertragspartner bilaterale Handelsabkommen hatte, konnte die Volksrepublik durch diese Vereinbarung zum ersten Mal auch mit Japan Zollerleichterungen erreichen. Allein durch die eigene Wirtschaftsmacht sieht sich China zumindest als Primus inter pares, entsprechend hoch sind die Erwartungen an RCEP. Konsumgüter sollen günstiger und besser aus den Vertragsstaaten nach China kommen als aus USA oder Europa, innerhalb der Partnerländer soll Reisen ohne Visa möglich werden, Investitionen sollen frei über die Grenzen hinweg getätigt werden können – „die Länder werden den einseitigen Schutz ihrer Unternehmen aufgeben“ heißt es in der  Online- Zeitung Dong Wu Jinrong Keji.

China habe die Produktionskapazitäten, Südostasien den Markt, Japan und Südkorea die Technologie, Australien und Neuseeland die Rohstoffe - notwendigerweise sei der historische Trend ein vereintes Asien, so die weitere Einschätzung in dieser Publikation. Dadurch sei China aus der technischen und wirtschaftlichen Vorherrschaft des Westens ein für alle mal befreit. Einem transpazifischen Freihandelsabkommen ohne China, wie es unter dem ehemaligen US-Präsident Barack Obama unter Einschluss der USA geplant war, sei nun der Riegel vorgeschoben.

Ob alles so kommen wird, wie es die chinesischen Medien vollmundig ankündigen, wird zu sehen sein. Trotz aller Euphorie ist bisher im Alltag ein vereintes Asien noch sehr weit entfernt. Bis die Vereinbarung voll greifen wird, werden 10 bis 35 Jahre vergehen. Im politischen Alltag ist China nicht unbedingt der Wunschpartner seiner unmittelbaren Nachbarn. Die  Politisierung von Handelsbeziehungen, wie zurzeit mit Australien praktiziert, schreckt viele Partner ab. So liegen aktuell über 60 Schiffe mit Kohle, die aus Australien bestellt war, ungelöscht vor chinesischen Häfen, weil die Führung in Peking das so verfügt hat, nachdem die australische Regierung die chinesische Politik in Hongkong und Xinjiang kritisiert hatte.

Sicherlich ist es verständlich, dass China die Region als seinen ‚Hausmarkt‘ betrachtet, aber es wird auch lernen müssen, dass verschiedene gesellschaftliche und politische Systeme auch verschiedene Herangehensweisen erfordern. Besonders mit dem Wechsel der Regierung in den Vereinigten Staaten scheint eine neue Dynamik in die Beziehungen innerhalb der Region zu kommen, die sich sicher auch wirtschaftlich auf die RCEP-Staaten auswirken wird.

Was bringt RCEP den Unternehmen aus Deutschland und Baden-Württemberg?

Trotz aller genannten Vorbehalte ist das RCEP für Unternehmen aus Europa sehr interessant. Unternehmen, die jetzt schon in einem der Länder produzieren, sollten daher jetzt ihre Wertschöpfungskette noch einmal optimieren, unter Umständen ergeben sich neue Vorteile, wenn Warenströme innerhalb des RCEP bleiben.

Das China-Büro von BW_i betrachtet das Ganze natürlich aus der chinesischen Perspektive. Wir gehen davon aus, dass Unternehmen, die jetzt schon in China tätig sind, durch dieses Abkommen in Zukunft mehr Chancen haben, aus chinesischen Fertigungen den gesamten Markt innerhalb von RCEP zu bedienen. Auf alle Fälle wird die chinesische Konkurrenz schon recht bald auf diesen Markt vordringen, sowohl mit eigenem Vertrieb als auch mit eigenen Fertigungen.

Daher halten wir es für wichtig, dass deutsche und baden-württembergische Firmen sich nach wie vor auf dem chinesischen Markt aktiv beteiligen, um selbst die Chance wahrzunehmen, die eigenen Produkte an chinesische Kunden zu vertreiben und um an der dynamischen Entwicklung des Landes teilhaben zu können. Besonders die hohe Innovationsgeschwindigkeit des chinesischen Marktes wird auch deutschen Unternehmen, die direkt in China arbeiten, dazu zwingen, hier mitzuhalten. Daraus können sich dann auch innovative Lösungen für andere Märkte ergeben.

 

 

 

 

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Typ
Update
Datum
02.03.2021

Bernhard Weber

Geschäftsführer BW_i-Büro Nanjing, China

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