Business Confidence Survey 2021– europäische Firmen bewerten die Situation in China

China im Fokus #2

Der chinesische Markt wird nicht einfacher, gleichzeitig wollen Unternehmen aus Europa weiterhin in die Volksrepublik investieren. Diese und weitere Einschätzungen europäischer Firmen zur wirtschaftlichen Lage auf dem chinesischen Markt im Business Confidence Survey 2021 des European Chamber of Commerce in China (EUCCC) analysiert Bernhard Weber, Geschäftsführer des BW_i-Büros in Nanjing, mit einem Sonder-Fokus auf Baden-Württemberg.

Der diesjährige Business Confidence Survey (BCS), eine Umfrage der Europäischen Handelskammer in China (EUCCC) unter europäischen Unternehmen, die in China investieren, zur wirtschaftlichen Lage des Landes fand im Februar 2021 statt und wurde Anfang Juni veröffentlicht. Im letzten Jahr zum gleichen Zeitpunkt erwarteten die meisten Unternehmen aufgrund der Coronapandemie einen Rückgang ihres Umsatzes, doch der BCS 2021 zeigt das Gegenteil: Die meisten Unternehmen verzeichneten einen Anstieg der Umsätze im Jahr 2020. Besonders gut lief das Geschäft in den Bereichen Consumer Product und Automotive. Die Gewinnsituation der Unternehmen hat sich auch kaum verändert, nur 13 Prozent der befragten Unternehmen berichten über ein negatives Ebit in 2020, eine Zunahme von 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Sehr deutlich kommt aus der Umfrage auch heraus, dass die Gewinnlage der Unternehmen in China 2020 deutlich besser war als die der meisten jeweiligen Muttergesellschaften in Europa.

Wie europäische Unternehmen ihre Zukunft in China einschätzen

Die meisten europäischen Unternehmen haben weiterhin vor, in China zu investieren. Nur 9 Prozent der antwortenden Unternehmen gaben an, zu planen, ihre Investitionen aus China heraus zu verlegen, seit 2012 der kleinste Prozentsatz zu dieser Frage.

Allerdings gehen die meisten Unternehmen davon aus, dass der chinesische Markt nicht einfacher werden wird. Zwar propagiert die Regierung unter Xi Jinping weiter die Öffnung des Landes, tatsächlich berichten die Unternehmen aber nach wie vor von einem ungleichen Zugang zum chinesischen Markt und von neuen, indirekten Beschränkungen. Gleichzeitig rechnen die meisten Unternehmen damit, dass ihre chinesischen Konkurrenten genauso oder bereits innovativer sind als sie selbst.

Kritisch wird auch die Reform der Staatsunternehmen gesehen, die dazu führen könnte, dass es noch mehr größere Unternehmen geben wird, die zum Teil Monopolstellungen in ihren Branchen einnehmen und die Kräfte des Marktes aushebeln könnten. Während in einzelnen Bereichen der Wegfall des Joint-Venture-Zwangs tatsächlich zu mehr Investitionen aus Europa geführt hat wie z. B. in den Bereichen Automotive und Petrochemie, sind andere Bereiche durch Staatsunternehmen und indirekte Barrieren so belegt, dass sie für europäische Unternehmen fast nicht zugänglich sind (z. B. der Bankenbereich).

Beklagt wird auch der nach wie vor bestehende teilweise Zwang zum Transfer von Know-how (vor allem bei Joint-Ventures) und die Ungleichbehandlung im Vergleich zu chinesischen Unternehmen bei der Durchsetzung von Regelungen, besonders beim Umweltschutz. Allerdings sehen die meisten Unternehmen eine weitere Verbesserung beim Schutz und der Einklagbarkeit von geistigem Eigentum.

Coronabedingt konnten nach wie vor viele Ausländer*innen, die über die Ferien zum Frühlingsfest Ende Januar 2020 das Land verlassen hatten, nicht wieder zum Arbeiten einreisen. Der bis heute andauernden komplizierten Prozess für die Wiedereinreise – viele müssen trotz bestehender Aufenthaltserlaubnis eine neue Einreise bei den chinesischen Behörden beantragen – verhinderte auch die Rückkehr vieler Familienangehöriger, und neue Expatriates anzustellen und einreisen zu lassen gestaltete sich schwierig. Viele Unternehmen berichten, dass einige der ausländischen Mitarbeiter*innen gar nicht mehr einreisen wollen und sich umorientieren. Dadurch ist ein gewisser Verlust an Chinakompetenz innerhalb der Unternehmen eingetreten, der lange nicht ersetzbar sein wird. Das steht in starkem Widerspruch zu den erklärten Bemühungen vieler chinesischer Regionen, sich stärker zu internationalisieren.

Obwohl die Umfrage im Februar 2021 vor den EU-Sanktionen gegen China und den entsprechenden Gegensanktionen durchgeführt wurde, betrachtete schon damals die Mehrheit der Unternehmen eine zunehmende Politisierung der Wirtschaft in China als kritisch. Dies hat sich vermutlich im Lauf der letzten Monate noch verstärkt, als am Beispiel der Modekette H&M mitzuerleben war, wie schnell China mit einem Boykott reagieren kann.

Welche Konsequenzen ziehen die Unternehmen aus der derzeitigen Entwicklung?

Aus der Umfrage kann eine deutliche strategische Verschiebung in vielen Unternehmen herausgelesen werden: Statt den Markt zu verlassen, setzen viele Unternehmen darauf, ihre Lieferketten noch mehr nach China zu verlagern, indem sie entweder verstärkt auf lokale Hersteller umstellen oder ihre internationalen Lieferanten dazu bewegen, in China zu produzieren. Aber nicht alle Unternehmen können ihre Bedarfe in China decken, sei es aus Qualitätsgründen oder weil es entsprechende Produkte in China noch nicht gibt.

Die Verschiebung zu einer stärkeren Versorgung aus China heraus ist unter anderem das Ergebnis von Überlegungen, Lieferketten weniger anfällig für Krisen zu machen.

Einige Unternehmen versuchen auch, ihre Anteile an Joint-Venture-Firmen in China zu erhöhen oder die chinesischen Anteile ganz aufzukaufen, besonders in Bereichen wie Automotive, in denen für lange Zeit ein Zwang zu Gemeinschaftsunternehmen bestand.

Welche Schlüsse lassen sich aus der Umfrage für Unternehmen aus Baden-Württemberg ziehen?

China ist nach wie vor ein sehr wichtiger Markt für viele der hiesigen Unternehmen, deren Kompetenzen in Automotive und Maschinenbau in China weiterhin nachgefragt werden. Für Umwelt- und Medizintechnik sowie viele weitere Branchen wird der chinesische Markt noch lange Zeit sehr interessant sein und wachsen.

Sollten die Unternehmen in China ihre Lieferketten jedoch immer mehr auf den chinesischen Markt begrenzen, wird das auch für einige unserer Zulieferer bedeuten, eine Ansiedlung in China ernsthaft zu erwägen.

Auch die Vorgabe im neuen Fünfjahresplan, die chinesische Wirtschaft in einen Binnen- und Außenkreislauf aufzuteilen, ist zu beobachten. Unter Umständen werden in Zukunft nur Unternehmen, die bereits in China sind, zum Binnenkreislauf gezählt. Dann hätten auch nur sie zu anderen Unternehmen in diesem Kreislauf Zugang. Noch gibt es dazu allerdings keine genauen Ausführungsbestimmungen.

Über den Business Confidence Survey:

Der Business Confidence Survey der Europäischen Handelkammer in China (EUCCC) wird seit 2004 jährlich erstellt und ist damit eine der wenigen wirklich aussagekräftigen Umfragen aus China, wenn es darum geht herauszufinden, wie europäische Unternehmen, die in China investiert haben, die wirtschaftliche Lage des Landes beurteilen.

Die EUCCC besteht seit 2000 und hat heute über 1700 Mitglieder und vertritt damit den Großteil des europäischen Investments in China. Dadurch wird sie auch in China als eine wichtige Stimme der ausländischen Investoren wahrgenommen. Das BW_i-Büro in Nanjing ist schon seit vielen Jahren Mitglied in der EUCCC.

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Typ
Update
Autor
Datum
20.07.2021

Bernhard Weber

Geschäftsführer BW_i-Büro Nanjing, China

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